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BERÜHRENDE PARTITUR

eine Recherche zur choreographischen Methodik - 2020

In meiner Arbeit mit zahlreichen Musikerinnen und Musikern habe ich häufig die von ihnen gespielten Partituren analysiert und daraus Choreographien entwickelt. Die akribisch konstruierte Musik von Bach, Beethoven oder Ligeti offenbart bei näherer Analyse eine durchdachte Kompositionsstruktur, die der Choreographie Spielraum und Ausdrucksmöglichkeiten verleiht.

Die Methode Tactile Score wurde von der japanischen Gesichtstherapeutin Rieko Suzuki und dem Wissenschaftler Yasuhiro Suzuki, Ph.D. entwickelt. Beide beschäftigen sich mit dem Notationssystem der Musik und versuchen, es als Medium für andere Ausdrucksformen – etwa die Gesichtsmassage – zu verwenden.

Dabei werden „Tonhöhe und Tondauer“ der Musiknotation durch „Druckstärke und Dauer der Massage“ ersetzt, sodass eine Massage-Komposition entsteht. Der Tactile Score kann so mit anderen geteilt und reproduziert werden. In ähnlicher Weise analysieren die beiden Reim und Grammatik japanischer Sätze und transkribieren Texte strukturell in Musiknotation, was wiederum einem Tactile Score gleichkommt.

Massage ist Bewegung und Druck – das brachte mich auf die Idee, diese Methode auch für den Tanz zu verwenden. Ich dachte mir, dass es möglich sein müsste, die verschiedenen Mittel der Inszenierung systematisch mit Hilfe einer Partitur zu verbinden und dadurch eine komplexe, aber einheitliche Umgebung zu gestalten.

 

Wie übersetzt man einen Text in eine Notation?

Die Regeln für diese Umwandlung können je nach Zweck und Thema des Stücks unterschiedlich sein. Wichtig ist jedoch, sie so einfach wie möglich und konsequent zu halten, da sie die Grundlage für spätere Arrangements bilden.

Ich zeige hier einige Beispiele dafür, wie ich, inspiriert von Suzukis Tactile-Score-Methode, einen Text in Noten übersetze und wie die entstandene Partitur anschließend in eine Performance umgesetzt wird. Ich nenne diese umgeschriebene Notation, die auf meiner eigenen Analyse der Textstruktur basiert, den Root-Score.

Zu beachten ist, dass es sich beim Root-Score nicht um eine musikalische Notation handelt, sondern vielmehr um eine Form der Notation unter Verwendung der Notenlinien, bei der die musikalische Korrektheit außer Acht gelassen wird.

Beispiel 1: MatchAtria 

Mein erster kleiner Versuch war eine dreiminütige Szene aus MatchAtria. In dieser Szene experimentierte ich damit, Text, Tanz und die Vibrationen eines Silikonherzens mit einem Root-Score zu verknüpfen. Obwohl der Zusammenhang für das Publikum nicht unmittelbar erkennbar war, erzeugte die Schlussszene dennoch ein interessantes Gefühl der Einheitlichkeit.

Beispiel 2: andropolaroid1.1 

In einer Szene in andropolaroid1.1 transkribierte ich sowohl die Root-Scores aus dem japanischen Text als auch dessen deutsche Übersetzung. Basierend darauf kreierte ich eine Choreographie, in der ich eine Lichtinstallation durchtanzte. Das Bild der Lichtchoreographie spiegelte die synaptische Aktivität im Sprachkortex des Gehirns wider.

 

Übung: Rede von Bundeskanzlerin Merkel 

Mithilfe des Förderprogramms DIS-TANZEN habe ich die bisherige Methode des Umschreibens reflektiert und weiter vertieft. Inspiriert von Suzukis Tactile-Score-Methode zeige ich hier ein Beispiel dafür, wie ich einen Text in eine Notation umwandle. Als Vorlage diente mir diesmal die erste Rede von Bundeskanzlerin Merkel zur Corona-Krise, die als Rede des Jahres 2020 ausgezeichnet wurde.

Musikalische Arrangements von James Helgeson 

Um die musikalischen Möglichkeiten der Methode zu überprüfen, zeigte ich dem Komponisten Dr. James Helgeson meine Root-Score-Übungen und bat ihn, sie als Musikstück zu arrangieren.    

Beispiel 1: MatchAtria

MATCHATRIA (2015) ein Teil der Szene mit Tactile Score
Ton: Links – Vibration, Rechts – Text

CHOREOGRAPHIE: YUI KAWAGUCHI
GRAPHIK: YOSHIMASA ISHIBASHI
LICHT: FABIAN BLEISCH

Inspiriert von der Philosophie der japanischen Teezeremonie wurde MatchAtria in Zusammenarbeit mit dem in Kyoto lebenden Künstler Yoshimasa Ishibashi entwickelt. Das Publikum erlebt die Performance mit einer 3D-Brille und binauralen Kopfhörern, während es die Heartbeat-Unit in den Händen hält – ein selbstgebautes Silikonherz, das den Herzschlag der Tänzerinnen und Tänzer auf die Hände der Zuschauer überträgt. Für das Ende der Performance setzte ich die taktile Methode ein, um den Zuschauern durch die Verbindung von Tanz, Video, Klang und Vibration eine sanfte Landung für ihre Sinne zu ermöglichen. 

Da der Schwerpunkt des Werks auf dem Tastsinn lag, verwendete ich im Text viele onomatopoetische Wörter, die in der Partitur in Triolen umgewandelt wurden, um ihnen einen musikalischen Charakter zu verleihen. Um das Ergebnis noch interessanter zu gestalten, musste ich den Text mehrmals umschreiben. Für den Tanz wurden zu jeder Tonleiter passende Gesten hinzugefügt, und Ishibashi kombinierte die Noten mit Handzeichnungen, um der Szene eine analoge Komponente zu verleihen.

Im Detail:
In dieser Szene experimentierte ich damit, Text, Tanz und Vibrationen eines Silikonherzens mit einem Root-Score zu verknüpfen. Auch wenn der Zusammenhang für das Publikum nicht direkt erkennbar war, erzeugte die Schlussszene dennoch ein interessantes Gefühl der Einheitlichkeit. 

1: Ich schrieb einen Text auf Japanisch und übersetzte ihn in einen Root-Score

2: Aus dem Root-Score erstellte ich die Vibrationen, die an die Heartbeat-Unit gesendet wurden. 

3: Ich entwickelte eine Choreographie aus dem Root-Score. Diesmal wählte ich massagenartige Gesten im Einklang mit dem Thema des Stücks und verwendete sie in verschiedenen Skalenmustern (bezogen nicht auf einzelne Noten, sondern auf die Abstände zwischen den Tonhöhen).

4: In der Aufführung erlebte das Publikum gleichzeitig drei Elemente, die durch eine Partitur miteinander verbunden waren:
1) Text auf Japanisch, der über Kopfhörer zu hören war
2) Taktile Stimulation durch die Vibrationen der Heartbeat-Unit, die in der Hand gehalten wurde
3) Tanz auf der Bühne.

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bei () kommt besondere Bewegung denn die Intervall wird auf Choreographie nicht reflektiert.

Tonbewegung 

+
-
++
--
up
down
octave up
octave down


Onomatopöie

A+
A-
B+
B-
C+
C-
EX
ein Wort
ein Wort
Wiederholung
Wiederholung
dynamische Wiederholung
dynamische Wiederholung
Ausnahme
breit/sanft/hell
eng/fest/dunkel
breit/sanft/hell
eng/fest/dunkel
breit/sanft/hell
eng/fest/dunkel
Beispiel: SHUWAAAA
Beispiel: GYUUU
Beispiel: KURAKURA
Beispiel: KOCHIKOCHI
Beispiel: SHURULIN SHURULIN
Beispiel: DOKKUN DOKKUN
Beispiel: POTUUNTO

Worte mit Richtung

IN Irasshaimase (Willkommen), Nagarekirezu (nicht ganz wegfließen: kommt wieder zurück), usw.
OUT Itterasshaimase (bis spät), Itatamaremasen (möchte lieber weglaufen), usw.


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Beispiel 2: andropolaroid1.1

ANDROPOLAROID1.1 (2016) ein Teil der Szene mit Tactile Score
Video: Links-Pixel Animation für ETC EOS(Licht), Rechts-Aufzeichnung der Show

CHOREOGRAPHIE: YUI KAWAGUCHI
LICHT: FABIAN BLEISCH
MUSIK: SIBIN VASSILEV
PROGRAMMIERUNG: YOANN TRELLU

Wir verbrachten drei Wochen in La MA scène nationale – Pays de Montbéliard, um diese vierminütige Tactile Score-Szene zu entwickeln. Diese Szene ist ein Schlüsselelement dieses Solostücks zum Thema Immigration von Japan nach Deutschland, und ich wollte mein damaliges Gefühl in meinem Kopf auf der Bühne wiedergeben.
Obwohl wir drei Wochen Zeit hatten, standen wir unter Zeitdruck, denn wir mussten nicht nur für die Codierung, sondern auch für die Musik und die Beleuchtung ein neues System entwickeln. Wenn ich auf unsere damalige Arbeit zurückblicke, war sie voller flexibler Ideen, wie etwa die Verwendung von Braille-Mustern und die Erzeugung von Patches mit Photoshop und Max MSP.

Im Detail:
In dieser Szene transkribierte ich die Root-Scores aus dem japanischen Text und dessen deutscher Übersetzung. Daraus kreierte ich eine Choreographie, in der ich eine Lichtinstallation durchtanzte. Das Bild der Lichtchoreographie war ein Abbild der synaptischen Aktivität im Sprachkortex des Gehirns.

1. Die zwei Texte (Japanisch & Deutsch) in den Root-Score übersetzen.

2. Mit Photoshop einzelne Pixel-Bilder, die der musikalischen Tonleiter A-H entsprechen, erstellen. Hier nahm ich die Pixelbilder des Braille-Alphabets.

3. Mit Ableton Live die Partitur abspielen und sie als MIDI-Signal an das Programm in Max for Live senden. Das von Yoann Trellu mit Max MSP erstellte Patch ruft das jeder Note entsprechende Bild auf und erstellt einen 8x8px (insgesamt 64 Pixel) Pixel-Animationsfilm
.

4. Das gleiche Prozedere wie in Schritt 2 durchführen, sowohl für die japanische als auch für die deutsche Version, und die beiden Filme kombinieren.

5. Diese MOV-Datei hat
Fabian Bleisch in das Lichtprogramm ETC EOS importiert und die einzelnen Pixel und Leuchtstoffröhren verlinkt, so dass beim Abspielen des Films die Lichter entsprechend blinken.

6. 
Sibin Vassilev arrangierte aus den Root-Scores die Klänge, die in der Szene mit meinen Stimmen (auf Japanisch und Deutsch) abgespielt wurden. So haben wir die Musik und die Lichtinstallation durch den Root-Score miteinander verbunden.



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TEXT AUF DEUTSCH

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TEXT AUF JAPANISCH

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Übung: Rede von Bundeskanzlerin Merkel

Hier zeige ich ein Beispiel dafür, wie ich einen Text in eine Notation umwandle. Diesmal nahm ich die erste Rede von Bundeskanzlerin Merkel zur Corona-Krise, die als Rede des Jahres 2020 ausgezeichnet wurde, als Vorlage. Kann ich mit dieser Methode die Geheimnisse dieser kraftvollen Rede enthüllen?

Regel 1: 1 Takt = ein Satz, der durch ein Satzzeichen abgeschlossen wird.

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Regel 2: Tonhöhe = Anzahl der Schriftzeichen (1 = A als Ausgangspunkt)

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Regel 3: Teilung der Notendauer: S : V : O : C : M : K = 1 : 1 : 1 : 1 : 1 : ½ (Pause)

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Regel 4: Unterordnende Konjunktion = bildet einen Akkord unter dem Nebensatz

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Regel 5: Artikel + Nomen = teilen sich die Tonlänge

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Regel 6: Adjektiv + Nomen = bilden einen Akkord (liegen übereinander)

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Regel 7: Konjunktion = Pause

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Regel 8: Bei einer Frage erfolgt ein Taktartwechsel.

„Aber wie hoch werden die Opfer sein?“ > Taktwechsel von 6/8 zu 7/8  

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So haben wir jetzt einen Root-Score, und was man damit macht, ist völlig offen.
Zum Beispiel habe ich den Root-Score in die Musiknotationssoftware Sibelius eingetragen, und mit TouchDesigner habe ich die Patches erstellt, um Pixelanimationen aus den MIDI-Signalen des Root-Score zu erzeugen und die Beleuchtung zu manipulieren. Ich habe verschiedene Varianten ausprobiert und hier zeige ich zwei davon.


Screenshot von TouchDesigner
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Synchronisation Ableton Live & TouchDesigner
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1. Klangmuster aus Root-Score, color-patch (DE)
& zu Root-Score angepasste Stimme

2. Klangmuster aus Root-Score (DE&EN)
& color-patch 

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Musikalische Arrangements von James Helgeson


Text von Dr. James Helgeson (Barenboim-Said Akademie, Berlin)

Kawaguchis
Methode ist ein Prozess zur Kodierung linguistischer Informationen in Bewegung und Klang. Musikalische und kinetische Gesten können selbstverständlich auf unterschiedliche Weise systematisch aus einem poetischen Text abgeleitet werden, z. B. durch (1) Silbenzählung, (2) semantische Analyse und (3) alphabetische Kodierung (in diesem Fall durch eine Kombination von (1) und (2)). Bei der Methode von Frau Kawaguichi wird ein fast ausschließlich diatonisches Tonsystem verwendet, um Informationen über den Rhythmus zu kodieren, was als Nebenprodukt abwechslungsreiches und interessantes musikalisches Material erzeugt. Dieses musikalische Nebenprodukt ist das, was mich als Komponist interessiert.

Der Vorteil des Systems von Yui Kawaguchi liegt meines Erachtens darin, dass es den natürlichen Sprachrhythmus des gesprochenen Textes verfremdet und eine musikalische Sprache schafft, die sowohl vertraut als auch verwirrend ist. Es ist erstaunlich, wie musikalisch vielfältig die Tonstrukturen sind, die eigentlich nicht ein musikalisches Material sondern die  Bewegungen kodieren sollen, wenn sie als Partitur wiedergegeben werden. Mit diesem Material könnte ich mir einige weitere Entwicklungen vorstellen (die ich gerne weiter erforschen würde):

1) Eine systematische Erweiterung des Tonraums, die eine Verfremdung des gewohnten tonalen Gefühls der Musik auslöst. Dies könnte auch durch Ersetzung der Tonhöhe erzielt werden. Die Logik hinter dem System ist die Codierung von Details über einen Text in einer musikalischen Form. In diesem Sinne ist Ersetzung oder Dehnung einfach eine weitere Ebene der Kodierung.

2) Eine systematische Erweiterung des rhythmischen Materials auf denselben Linien wie der Tonraum (ich habe das mit den Musikbeispielen, die ich eingereicht habe, ansatzweise ausprobiert), was größere chorographische Auswirkungen haben würde.



Beispiel 1: Das überlagert Kawaguchis Analysen der englischen und deutschen Version der Rede von Angela Merkel . Es handelt sich um Rohmaterial für die Vertonung und Verzerrung. (Zum vergrößern anclicken.)


Merkel Text(c)Yui_Kawaguchi(c)Yui_Kawaguchi(c)James_Helgason (c)James_Helgason

Beispiel 2: Hier wird das rhythmische Material von Yui Kawaguchis Analyse eines Abschnitts von Joseph Pearsons "Three German Cities" (veröffentlicht in der New England Review) verwendet, um eine bereits vorhandene, von James Helgeson geschriebene Cellolinie im Barockstil zu verzerren.

Three German Cities(c)Joseph_Pearson Root-Score (c)Yui_Kawaguchi (c)James_Helgason


Beispiel 3: Ein Rohmaterial, das ebenfalls auf der Textanalyse von Pearson basiert ist, hier für zwei Streichinstrumente und Schlagzeug.


(c)James_Helgason (c)James_Helgason(c)James_Helgason

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Gefördert durch die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien im Programm NEUSTART KULTUR, Hilfsprogramm DIS-TANZEN des Dachverband Tanz Deutschland
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